Mittwoch, 1. Oktober 2014

Fliegen lernen! oder Die Erkenntnis und der Morgen danach....


Hallo Ihr Lieben!


Ich habe ja wirklich lange nichts von mir hören lassen... Warum? Tja, ist einfach viel losgewesen und der Blog hatte nicht so die riesen Bedeutung in der letzen Zeit. Ich habe aber nicht vor, aufzuhören, ich pausiere nur ein wenig ;)
Heute unterbreche ich diese Pause und habe (hab ihr's bemerkt?) auch nicht gereimt, ihr bekommt auch so gleich genug zu lesen, habt ihr Lust?? 
Ich habe ja in meinem letzten Post über meine Leidenschaften (wer mag kann nochmal hier nachlesen) erwähnt, dass ich mal eine Kurzgeschichte geschrieben habe. Ich habe mich soeben entschieden, euch diese Geschichte lesen zu lassen. Ich tue mich immer schwer damit, meine Geschichten in die Welt hinaus zu schicken. Meistens sind sie lange in meinem Herzen und in meinem Kopf herumgeschwirrt und wenn ich sie dann tatsächlich auf das Papier bannen konnte, so dass ich (ansatzweise zumindest) damit zufrieden bin, dann ist da so viel von mir drin... das hat ein wenig von Seelen-Striptease... Aber egal, ich wage es und lasse diese Geschichte fliegen, denn wer nicht wagt..............naja, ihr wisst schon :D



Fliegen lernen! oder  Die Erkenntnis und der Morgen danach..



Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Warum fliegst Du nicht einfach?
Der Abend war warm und ziemlich stürmisch. Ein Gewitter zog heran. Der Himmel sah grandios aus. Wolken jagten, gewaltigen Bergen gleich am Mond vorbei, der fast voll war. Er beleuchtete die Gipfel und Täler der Wolken, und der Wunsch, einfach loszufliegen, hinein in das Wolkengebirge war übermächtig!
Die Felder, die um mich herum wogten und brausten, der Wind, der an meinem Haar zog…Ich schloss die Augen und fühlte mich plötzlich vom Wind erfasst, mein Körper wurde hochgehoben, und ich spürte die Landstraße unter meinen Füßen nicht mehr.
Alle Schwere war von mir gewichen. Als ich meine Augen öffnete, war mir der Mond ganz nahe. Ich flog, ich flog wirklich! Leicht wie eine Feder trug der Wind mich fort. Unter mir die Felder, die aufgewühlt wogten, sie sahen aus wie ein silbriges Meer. Ich sog den Duft des Abends tief ein. Es roch nach Regen, Wärme, Wind…. Ich flog über Bäume, ihr Rauschen klang wie ein wildes Orchester. Der Duft nach Moos und Laub raubte mir fast die Sinne. Sie sangen ein Lied und etwas in mir sang mit. Über mir waren diese wundervollen Wolken, die mit mir Fangen spielen wollten.
Ich war ein Teil von alledem. Ich!
Meine Gedanken waren erfüllt von Glück. Keine Fragen, kein „sich wundern“, keine Angst - nur Glück und Freiheit! Die Luft, die Wolken, der Mond, der Wind. Alles, was sie waren, konnte ich spüren, hören, verstehen. Tief in mir drin verstand ich alles. Es war eine Erkenntnis, die mich in der Seele berührte. Ein Verstehen, dass ich nicht erklären konnte. Eine Frage, die ich mein Leben lang mit mir herumgetragen hatte, wurde mir nun beantwortet.
Etwas durchzuckte mich plötzlich. Ich öffnete die Augen und bemerkte, dass ich immer noch (oder wieder?) auf der Landstraße stand. War es ein Traum? Oder war es Wirklichkeit? Ich sah den Mond an, spürte den Wind, dann horchte ich in mich hinein und lächelte….
Ich war wie in Trance, als ich an diesem Abend nach Hause ging. Ich fühlte mich, als wären alle Sinne geschärft, alle Farben und Gerüche klarer und irgendwie lebendiger. Ich war aber auch sehr müde, und als ich nach Hause kam, fiel ich einfach nur ins Bett, so wie ich war. Ich schaffte es noch nicht einmal mehr, mir die Schuhe auszuziehen. Ich fiel auf das Bett und weiter in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, fühlte ich mich, als hätte ich hundert Jahre geschlafen. Ich war etwas verwirrt, schließlich hatte ich noch alle meine Sachen an. Das Erlebnis gestern Abend kam mir vor wie ein Traum. Ich spürte dem Gefühl in mir nach, das ich gestern empfunden hatte. Erst dachte ich, es sei weg, dann durchschoss es mich in einer heißen, überwältigenden Woge. Ich weiß! Ich verstehe! Ich fühle!
Ich fühlte, wie ich noch nie gefühlt hatte. Alles war klar, alles verständlich, das Leben, die Liebe, der Sinn, das Gefühl. Überwältigend. Ich drängte das Gefühl an eine Stelle in mir zurück, da es mich geradezu überschwemmte. Jetzt gab es in mir einen goldenen Ball, der warme Wellen auszustrahlen schien, und ich konnte wieder denken. Mein Verstand schaltete sich augenblicklich wieder ein. Uhrzeit…es war bereits hell, aber die Sonne war wohl gerade erst aufgegangen, denn die Helligkeit hatte noch etwas Neues, Unschuldiges an sich, der Tag war noch nicht sehr alt und hatte noch nichts Verbrauchtes. Mein Blick suchte den Wecker. Halb sechs. Also komme ich nicht zu spät zur Arbeit. Arbeit??? Ich kann doch unmöglich arbeiten gehen, so etwas Profanes nach dieser Erfahrung. Alles in mir schrie auf, der goldene Ball wurde größer und wieder erfasste mich eine Welle voller Liebe und Erkenntnis. DAS IST NICHT DER SINN, DAS BEDEUTET NICHTS!!!! Es schrie in mir so laut, dass ich unwillkürlich meine Ohren zuhielt. Als ob das was nützte…. Mit purer Willenskraft drängte ich diese Welle wieder zurück, ich keuchte, so hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Ja, ich mochte meine Arbeit nicht besonders, sie bedeutete mir in der Tat nichts, ich hatte mir immer etwas anderes für mein Leben ausgemalt, aber es war auch nicht sooo schlecht. Ich hatte nette Kollegen, und die Arbeit war nicht sehr anstrengend. Und schließlich ließ sie mich meine Miete bezahlen. PROFAN, SINNLOS, SIE NIMMT DIR DEINE KRAFT!!!! Ich hielt mir abermals die Ohren zu, die Stimme in meinem Inneren, die aus dem goldenen Ball zu kommen schien, war überall. Mit enormer Anstrengung drängte ich den goldenen Ball so weit in mein Inneres, dass ich wieder denken konnte.
Etwas anderes, sehr Körperliches meldete sich zu Wort: mein Magen knurrte. Hunger. Ja, etwas essen wäre jetzt gut, etwas Kaffee vielleicht auch. Ängstlich horchte ich in mich hinein, aber ich hatte den goldenen Ball tief vergraben, nichts meldete sich zu Wort, kein Gefühl erschütterte mich. Ich holte tief Luft, ging in meine Küche und brühte mir einen Kaffee auf. Ich nahm mir eine Banane aus dem Obstkorb, die Letzte, wie mir auffiel. Ich musste wohl heute noch einkaufen, viel hatte ich nicht mehr im Haus. PROFAN, ZEITVERGEUDUNG, DU HAST WICHTIGERES ZU TUN!!! Ich zuckte zusammen, keuchte auf, schüttelte den Kopf. Wieder Stille. Oh Mann, erst mal Kaffee. Der Kaffee schmeckte nicht, widerlich geradezu. SINNLOS. Die Banane ging, aber auch sie schmeckte irgendwie fad. Ich aß sie ohne großen Genuss, wenigstens war der Hunger vertrieben. Ich duschte, ZEITVERSCHWENDUNG, zog mich an und ging aus dem Haus. Ich musste den Kopf frei bekommen, der frische Morgen half mir sicher dabei.
 Als mich der erste Sonnenstrahl traf, durchfuhr er mich geradezu. Er traf den in meinem Inneren verborgenen goldenen Ball und verschmolz mit ihm. Im gleichen Maße verschmolz ich mit der Sonne, so fühlte es sich wenigstens an. DU MUSST ES ALLEN SAGEN, DU MUSST ES ALLEN ZEIGEN! Ja, aber wie denn?? Es würde doch keiner verstehen! DU MUSST UND DAS WEISST DU AUCH. UND DU WILLST ES DOCH AUCH! Ja, ich will. Alle sollen es fühlen, aber wie denn? Ich bin nur ein Mensch, wie soll ich etwas so Göttliches erklären? NICHT GÖTTLICH…. Ich weiß, aber selbst dafür fehlen mir die Worte. DU FINDEST SIE. Ich hoffe, ich hoffe wirklich. Aber wie?
Als ich wieder ich war (wer war ich denn nun eigentlich?), bemerkte ich, dass ich weinte. Es war so schön und angsteinflößend. Was mache ich denn nun mit dem Wissen? Ich atmete tief ein. Die klare Morgenluft, der Duft des Grases, das neben dem Hauseingang wuchs, all das erfüllte mich, machte mich satt, besser als es jede Banane der Welt konnte. Ich brauchte das alles nicht mehr. Alles was ich brauchte, war in mir. In allem. Es war, als hätte die Welt, das Universum einen eigenen Klang, eine Schwingung, einer Stimmgabel gleich, und ich schwang mit. Das Erlebnis an dem Abend (war das wirklich gestern gewesen?) hat mich angestoßen, und nun schwang ich mit dem Universum in Gleichklang. ABER NUR WENN DU BIST WER DU BIST, WENN DU TUST, WAS DU FÜHLST! Das ist schwer! JA! Ich bin doch nur ein Mensch. NA UND? Und wo soll ich anfangen? MACH EINFACH, DU WEISST ES! Na gut, ich versuche es.
Ich atmete tief durch und ging weiter. Ich nahm unwillkürlich den Weg zur Arbeit, als ich auf den Briefträger aufmerksam wurde, der an diesem schönen Morgen bereits bei der Arbeit war. Ich blieb bei ihm stehen.
„Guten Morgen“, er schaute mich fragend an. „Kann ich helfen?“
„Ja.“ Ich nahm seine Hand in meine, er war zu perplex um zu reagieren. Das war ihm sicher auch noch nicht oft passiert. Dann schloss ich die Augen und ließ die Welle aus dem goldenen Ball, den ich in meinem Inneren verschlossen hatte, mich überrollen. Und auch ihn. Ich öffnete die Augen wieder und sah in die Seinen. Ich sah, dass er verstand, ich sah, dass er wusste. Ich war eins mit ihm, er war eins mit mir. Wir waren eins mit dem Universum. Wir sahen uns in die Augen, tief, so tief,  in die Seele des Anderen. Der Kuss war unvermeidlich, er war gewaltig, zwei Universen, die sich vereinen wollten. Er war sanft, wie Federn, die miteinander spielten. Er dauerte ein Leben und war doch nur kurz. Wir kannten uns nicht und wussten doch alles. Liebe, zu viel für einen Menschen, Verlangen, so groß, dass es uns beinahe zerriss. In diesem Augenblick riss das Universum entzwei, unser Universum, denn der Briefträger riss sich keuchend los. Mit weit aufgerissenen Augen stieß er mich von sich.
„Was….?“ Und dann rannte er los. Er rannte als ginge es um sein Leben. Und das tat es ja auch…. Ich brach zusammen. Es war, als hätte man mir in einem Moment alles gegeben und wieder genommen. Ist es immer so? JA, WENN ES EHRLICH IST! Und was passiert nun mit ihm? ER WEISS! Ja, aber was passiert mit ihm? WAS ER WILL. Ich fühle ihn noch. JA. Ist das auch immer so? JA. Ich weiß nicht, ob ich das aushalten kann, oder ob ich will. Es ist zu schön, aber es tut so weh. JA, DAS IST SO. ABER DU KANNST ES AUSHALTEN. Ich versuche es. Ich will fliegen. Ich will frei sein. DANN FLIEGE, DANN SEI FREI. Ja. Ich werde frei sein.
Ich ging weiter, jede Einzelheit der Natur um mich herum brannte sich in unauslöschlicher Schönheit in mein Innerstes. Aber auch die Zerstörung wurde mir körperlich bewusst. Die Straße, die mit ihrem Asphalt die Erde bedeckte und erstickte. Auch die Menschen nahm ich bewusster wahr. Ihren Hass, die Hektik, die Gier. Als ich in die Straßenbahn stieg, die mich Richtung Stadt brachte, hatte ich das Gefühl, fast zusammenzubrechen. Die Last der unterdrückten Gefühle, des Gefangenseins, all die angestauten Dinge, sie zwangen mich in die Knie, dabei war die Straßenbahn noch recht leer. Aber auch Liebe nahm ich wahr, Hingabe, Sehnsucht.
Ist das auch immer so? JA, DU WIRST ES JETZT IMMER FÜHLEN KÖNNEN. Immer? JA. Das halte ich nicht aus, das ist zu viel. ÄNDERE ES. Wie, ich kann doch nicht jeden hier küssen?! ABER BERÜHREN. Menschen werden nicht gerne berührt. Außerdem war das eben zu viel, es war zu heftig, das hat ihn fast um den Verstand gebracht. ABER NUR FAST.
Ich spürte nach innen. Das warme Gefühl, mein Briefträger, ich spürte ihn noch immer. Es ging ihm gut. Überwältigt, aber gut.
Kann man es dosieren? VERSUCHE ES. Ja, ich versuche es.
Dieses Mal ließ ich die Welle aus meinem Inneren ganz sanft in die Straßenbahn schwappen. Ich schloss die Augen. Ich spürte ein Aufatmen, ein Entspannen, als wenn man ein Kind, das schlecht träumt auf die Stirn küsst und es sich dadurch beruhigt. Die Stimmung in der Straßenbahn hellte sich auf. Die Menschen sahen glücklich aus, sie lächelten in sich hinein. Ja, das war eindeutig besser.
Und was passiert jetzt? WER WEISS, VIELLEICHT FINDEN SIE IHREN TRAUM UND ERFÜLLEN IHN. Kein Wissen? NEIN, DAFÜR WURDEN SIE NICHT GENUG BERÜHRT. ABER DU HAST IHNEN ETWAS VERLORENES WIEDERGEGEBEN. ZUFRIEDENHEIT. LIEBE ZU SICH SELBST. Hört sich gut an. Fühlt sich gut an. Aber das ist anstrengend. JA. NICHT ALLES IST LEICHT. Fliegen ist leicht. NEIN, NICHT IMMER. Aber gestern war es leicht. JA. ABER GESTERN IST GESTERN UND HEUTE IST HEUTE. Ich will trotzdem fliegen, auch wenn es schwer wird. JA. Wie fange ich es an? DU WIRST ES WISSEN.
Ich stieg aus der Straßenbahn aus. Die Menschen in der Bahn wirkten selbstvergessen, sie träumten einen Traum mit offenen Augen. Wer weiß, was sie träumten.
Ich ging weiter, nahm alles wahr, aber ich beschäftigte mich nicht weiter damit. Ich wollte nun selber etwas. Die Menschen konnten sich auch um sich selbst kümmern, es ist in allen. Sie müssen nur wollen und hinsehen.
Ich bog in das nächste Bürogebäude ein, und nahm den Aufzug nach oben. Weiter die Feuertreppe hinauf, bis aufs Dach. Seltsam, keiner sah mich an, keiner hielt mich auf.
Auf dem Dach atmete ich auf. Das Brausen der Stadt, das langsam anschwoll, drang zu mir hinauf, es war so ganz anders, als das Rauschen der Bäume….
Und jetzt? DU WEISST ES! Ja, aber ich habe Angst. DIE GEHÖRT DAZU, SCHLIESSLICH WILLST DU FLIEGEN. Ich weiß. Das macht es nicht einfacher. DAS IST DER PREIS. Ja.
Ich ging bis zum Rand des Daches und kletterte auf die Reling. Es ging tief hinunter. Es würde reichen.
WENN DU FLIEGEN WILLST, MUSST DU SPRINGEN. UND VERTRAUEN. Ja, aber…ES GIBT KEIN ABER. DU KANNST JA AUCH WIEDER GEHEN, UND SO WEITERLEBEN WIE BISHER. Nein. DANN MUSST DU VERTRAUEN. Ja. SPRING!
Ich sprang. Der goldene Ball in mir zerbarst. Goldener Schein verbreitete sich mit Lichtgeschwindigkeit und es erfüllte mich abermals mit Liebe und Wissen.
Die Erde raste auf mich zu…ich horchte in mich hinein, lächelte…. Und flog!
Ja!
JA!




...............bis denn,
Euer Känguru.....................